Montag, 21. Februar 2011

Die ersten Wochen

Keine Sorge, der nächste Eintrag soll eigentlich nicht "Die ersten Monate" heißen, und uns geht's super hier in Down Under. Die Eingewöhnungsphase ist vorbei und so langsam macht sich eine Art Alltag breit - gerade für Vera, die seit einer Woche in einem Café nahe der Universität arbeitet. Noch bleibt es eine Art Alltag, denn wir haben genügend Zeit und Möglichkeiten, unsere neue Heimat zu entdecken, zu erleben und zu genießen.

Also, was war so und was haben wir so gemacht?

Unsere australisch-deutsche Haus-WG ist mittlerweile komplett. Helen hat jetzt vier Deutsche in ihrem schönen Haus hier in Brunswick - eine ist Praktikantin bei Deutsche in Melbourne, die andere in einem Melbourner Krankenhaus und wir zwei eben. Die letzten zwei Wochen hatten wir das Haus für uns, weil Helen in ihrem Strandhaus östlich der Stadt war, um an ihrem Roman weiterzuschreiben, der lustigerweise im baden-württembergischen Tübingen spielt.

Ein bisschen shoppen waren wir, weil mir blöderweise gleich am ersten Tag hier meine einzige Jeans gerissen ist. Eine Kopfbedeckung musste auch her, weil die Sonne hier auch manchmal durch die Wolkendecke hindurch Gesichter verbrennt. Und Vera braucht noch ein paar Aussie-Style Klamotten, weil sich's in Jeans schlecht in saunaartigen Café-Küchen aushalten lässt. Auf jeden Fall gibt's im Central Business District Unmengen von Shopping Malls und Geschäfte - preislich etwa wie bei uns in Deutschland. Ein bisschen billiger geht's noch in den Docklands - einem neu und modern aufgezogenem Stadtteil am Hafen - wo es ein ganzes Outlet-Store-Village gibt. Leider hat es dort nicht so mit dem Freizeitangebot geklappt. Das Riesenrad (à la London, Singapor, etc.) wurde 2008 eröffnet und 2009 wieder geschlossen, weil während einer Hitzeperiode schwere Mängel festgestellt wurden. Seitdem wird es Stück für Stück wieder abgebaut und gliedert sich so perfekt in den angeschlossenen entvölkerten Mini-Freizeitpark ein.

Eine Menge mehr Geld geben wir allerdings für Lebensmittel aus, denn die sind teuer hier. In den Supermärkten kostet das allermeiste zwei- bis dreimal so viel wie bei uns. Aber zum Glück hat neben IKEA auch ALDI schon nach Australien expandiert und zum Glück ist der nächste Albrecht Discount gleich hier in der Sydney Road. Und für Obst und Gemüse lohnt sich der Weg in die Stadt auf den Queen Victoria Market immer, wo sich die Marktschreier vor allem kurz vor Schluss heiße Preiskämpfe liefern. Ist ja gut, wenn man für landwirtschaftliche Produkte ein bisschen mehr zahlt als bei uns und somit die Produzenten besser entlohnt, aber manchmal sind die Preise schon demotivierend hier. Dafür herrscht Vollbeschäftigung hier und hat man mal zu viele Angestellte in seinem Supermarkt, packen eben ein paar die Lebensmittel an der Kasse ein oder verteilen Plastikkörbe am Eingang.

Auch Bier und andere Alkoholika sind leider ziemlich teuer hier, was auch damit zu tun, dass der Staat die Trinkfreudigkeit der Jugend einzudämmen versucht. Ein Sixpack 0,33er Bier kostet so 12-15 Euro, kauft man allerdings gleich einen 24-Pack, zahlt man nur 25-30 Euro. Sprich, wer mehr säuft, zahlt auch weniger - da geht der Politiker-Schuss nach hinten los. Dasselbe bei Tabak: Man hebt die Preise einzelner Packungen (ca. 12-15 Euro), um mittellose Schüler abzuschrecken, vertickt aber größere Mengen um so billiger.

Nicht wirklich, aber ein bisschen wie in Singapur, wo der Staat seine Aufgabe darin sieht, seine Bürger vor Dummheiten zu "beschützen" - die Australier nennen das "Nanny State". Genussmittel hoch besteuern und deftige Strafen für jegliche kleine Vergehen festlegen. Falschparker, Geschwindigkeits- oder Rote-Ampel-Übertreter sind hier gleich ein paar hundert Dollar los, wenn sie sich erwischen lassen. Noch perfider sind die Gesetze, um den trinkfreudigen Australiern den Spaß am Trinken zu erschweren: Natürlich darf Alkohol nicht in der Öffentlichkeit getrunken werden und wer besoffen durch die Strassen streift, kann auch mal wegen Trunkenheit verhaftet werden. Aber eigentlich dürfte ja gar niemand "zuviel" Alkohol erwischen, da den Bars und Shops horrende Strafen drohen, wenn sie Betrunkene weiter versorgen.

Das Lustige ist, dass mancher junger Australier diese Gesetze gut findet, weil er ganz genau weiß, wie es sonst zugehen würde. Und das Gute ist, dass Australier oft die Meinung vertreten, dass Gesetze da sind, um gebrochen zu werden. Die Aufmüpfigkeit liegt quasi in ihrer Historie - nicht etwa weil die ersten Siedler Strafgefangene waren, sondern weil die folgenden Siedler vor allem kamen, um der in Europa vorherrschenden Aristokratie zu entfliehen, nur um hier wieder gegen selbige zu kämpfen. Ergo ist Australien natürlich alles andere als ein Polizeistaat oder dergleichen und die bestehenden Gesetze werden nicht gar so streng umgesetzt wie sie klingen.

Tja, und sonst?

Haben auch wir gefeiert! An zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen auf dem St. Kilda Festival (das In-Viertel am Strand) - einmal zur schwul-lesbischen Pride- (Stolz) Parade und einmal zur abschließenden Großveranstaltung mit 420.000 Menschen und Musik, Kunst, Performance, Bars, Partys, etc. pp. in allen Straßen. Die "Deutschen in Melbourne" haben sich in einem Irish Pub im Zentrum getroffen, wo man wunderbar den Dienern des "Nanny-States" zuschauen konnte. Zuerst haben alle Securities des Ladens nach dem Kerl gesucht, der sich ins Männerklo übergeben musste, und später kamen einfach mal vier Polizisten vorbei, um zu sehen, ob nicht jemand schon total besoffen ist und besser nach Hause oder in die Zelle müsste?! Naja..

Wir haben Tania und Luke, die Vera vor fünf Jahren in Chile/Bolivien kennengelernt hat, getroffen und sind mit ihrem Aussie-Muscle-Car durch die Stadt geheizt/geblubbert. Und auf dem "I Am Kloot"-Konzert letzte Woche hat Vera witzigerweise zufällig einen Australier wiedergetroffen, den sie vor sieben Jahren in Spanien kennengelernt und der sie auch in Augsburg besucht hatte. Ihr wisst schon, klein ist die Welt - auch Münchner Gesichter tauchen immer wieder auf. Ansonsten Aussie-Barbecues, versteckte Biergärten, Cafés en masse - das Angebot ist riesig und das ist schön!

Ach ja, Kultur war auch ein bisschen. In der Sidney Myer Music Bowl haben wir eines der freien Konzerte besucht, die es seit 52 Jahren im Sommer gibt. Zu hören gab's das Melbourne Symphony Orchestra mit Stücken von Mozart und Mahler, während man mit 10.000 Menschen im Gras sitzt und picknickt. Auf jeden Fall coole Location und Idee, auch wenn ich mal kurz eingeschlafen bin ;-) Und dann war da noch Sabrina Schmidt in ihrem deutschen Wohnzimmer mitten in der Innenstadt, mit der wir zu Matthias Reims "Verdammt, Ich Lieb' Dich" getanzt haben - das war eigentlich der größte Kulturschock bisher. Das Ganze war ein Projekt der "Kulturfiliale Hannover", in dem es um australisch-deutsche Heimat und Identität geht. Passanten konnten zu Sabrina im Dirndl ins deutsche Container-Wohnzimmer und bei Brühkaffee und Plätzchen darüber plaudern.


So, auch ein langer Text muss mal zu Ende gehen, hier noch neue Fotos:

2011.02 Melbourne: Docklands

2011.02 Melbourne: St. Kilda Festival

2011.02 Melbourne: Sidney Myer Free Concerts

2011.02 Melbourne: Theater deutsch-australisch





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