South-Sulawesi, Indonesia
Die Anreise nach Tana Toraja von Bau Bau aus hat uns 2 anstrengende Tage gekostet. Zuerst in einem Speedboat 5h von Bau Bau nach Kendari, was an sich eine schoene Route nahe der Kueste ist - leider gibts keine Sitzplaetze an Deck, man sitzt eher wie in einem Flugzeug in 3er Reihen unter Deck und darf sich uebelste Karaoke oder tolle Actionfilme im Fernseher (Fast & Furious) anschauen. In Kendari dann eine Nacht pennen im Hotel Bintag (Bintag ist die einzige Biermarke, die wir bisher in Indonesien gesehen haben, heisst aber auch Stern -> schoen!) und am naechsten Morgen weiter zum Busbahnhof der haesslichen Wir-bauen-einfach-alle-Haeuser-an-eine-Hauptstrasse-Stadt. Dort erfahren wir, dass keine Busse am Busbahnhof abfahren, sondern entweder Bemos (die kleinen blauen Minibusse - da passen gern mal 20 Leute rein, wenn's sein muss) oder Private-Cars, sprich irgendwelche Jeeps/SUVs. In einem dieser SUVs fahren wir also nach ca 2h Wartezeit 4h lang ueber den Sued-Ost-Teil Sulawesis nach Kolaka. Der Fahrer nimmt auf der Strecke immer mal wieder neue Leute mit oder setzt andere ab und so entsteht ein reger Fahrgastwechsel, in dem er und wir die einzige Konstante bleiben. Der Beifahrersitz ist dabei oefters mal von 3 Leuten, die mittlere (unsere) und die Rueck- Bank von 5 statt 3 Leuten besetzt (plus ein paar Huehner eingequetscht im Kofferraum zwischen unseren Rucksaecken) - der Fahrer muss ja die Kosten wieder reinholen.. Naja, erschoepft kommen wir wieder abends in Kolaka an und uebernachten dort ein weiteres Mal. Schliesslich geht am folgenden Mittag ein weiteres Speedboat (diesmal mit ueberdachten Aussenplaetzen am Heck) in 3h rueber nach Siwa, vor dessen Kueste das Meerwasser mittels einer scharfen gezackten Linie zwischen tiefstblau und braun-grau getrennt ist. Mit einem Private-Car (diesmal alter Jeep) geht's nochmal 3h die Kueste hoch nach Palopo, wo wir bei Sonnenuntergang in unser letztes Gefaehrt nach Rantepao (nicht die Haupt-, aber die Touristenstadt Tana Torajas) umsteigen.
Das Gebiet Tana Toraja liegt im noerdlichen Teil Sued-Sulawesis und ist - eingerahmt von hohen Bergen - eine Welt fuer sich. Der Grossteil der Menschen hier sind Christen, die ihre Religion mit vielen Aspekten ihrer alten Tradition vermischen. Den christlichen Glauben merkt man hier an den vielen Kirchen (natuerlich gibt es auch Moscheen) sowie am Schweinefleisch und Bier auf den Speisekarten der staedtischen Restaurants. Der Tradition nach sind die Vorfahren der Tana Toraja-Bewohner damals von Indochina ueber den grossen Fluss in das Gebiet gekommen, weshalb die traditionellen Haeuser ein schiffsfoermiges Dach haben und auf Stelzen stehen. Vor allem aber haben die Bewohner hier eine traditionsreichen Totenkult, was die Gegend kulturell gesehen sehr spannend macht (auch landschaftlich ist es wunderschoen hier -> die Huegel der Berge sind gesaeumt von Reisfeld-Terassen und gespickt von grossen Felsbrocken, die Vulkane vor vielen vielen (vielen) Jahren durch die Gegend geschleudert haben). Jedes Jahr im Juli und August ist Funeral Season und die Familien der Verstorbenen veranstalten riesige Beerdigungsfeiern, um ihre Toten ehrenvoll zu verabschieden und das Familienglueck aufrecht zu erhalten. Viele Familien sparen ihr Geld 2-3 Jahre lang, um diese Feiern ausrichten zu koennen. Waehrend dieser Zeit werden die Toten im hinteren Raum der traditionellen "Schiffshaeuser" balsamierterweise aufgebahrt und wie Kranke behandelt, was bedeutet, dass immer mind ein Familienmitglied Wache haelt und dem "Kranken" Essen und Wasser gibt. Ausserdem besuchen andere Familienmitglieder den "Kranken" regelmaessig (nur dann verbreitet der Leichnam traditionsgemaess einen Geruch), reden mit ihm und wuenschen ihm gute Besserung. Wenn genug Geld angespart wurde und ein passender Termin gefunden wurde, findet (eben grossteils im Juli/August) eine riesige mehrtaegige (meist 3-6 Tage) Beerdigungsfeier statt, fuer die die Familie eigens Haeuser um einen Festplatz herum aufbauen laesst, die danach wieder abgerissen werden.
Wir haben so eine Beerdigungsfeier am wichtigsten Tag der Feierlichkeiten (dem Zeremonientag) im Sueden Rantepaos besucht - zusammen mit 2 Leuten aus Hamburg, unserem Tourguide und, wie wir dort angekommen feststellen mussten, etwa 200 anderen Touristen. Da die ausrichtende Familie wohl relativ wohlhabend ist, ging das Spektakel ganze 6 Tage lang auf einem riesigen Areal auf dem Huegel ueber einem Dorf. Von einer Enkelin des Verstorbenen wurden wir in eines der Gaestehaueser eingeladen (ueberdachte Boeden auf Stelzen) und bekamen suessen Tee, suessen Reis, Wasser und spaeter im Bambusrohr gegartes Schweinefleisch mit Reis serviert. Als Gegenleistung ueberreicht man ein Geschenk, was in unserem Fall aus einer Stange Zigaretten (in Indonesien immer super) und 5kg Zucker bestand, die unser Guide organisiert hatte. Gaeste, die wirklich etwas auf sich halten, bringen Schweine oder Bueffel (richtig teuer, minimum 10.000 Euro) mit, die dem Toten geopfert und von den Gaesten verspeist werden. An allen Ecken und Enden sieht man also Leute mit angeleinten Bueffeln rumstehen oder Schweine an Bambusrohre gebunden am Boden rumliegen. Diese Tiere werden auch mitten auf dem Gelaende geschlachtet, zerlegt und traditionsgemaess stueckchenweise im Bambusrohr ueber offenem Feuer gegart (etwa 1h lang). In einem grossen Kreis stehend erzaehlen Verwandte und Freunde tanzenderweise die Lebensgeschichte des Toten. Und irgendwann geht dann die Prozession los, in der der Tote in einem Miniatur-"Schiffshaus" einmal rund um das Dorf getragen wird und anschliessend im oberen Stockwerk des Zeremonienhauses aufgebahrt wird. In unserem Fall wurde das Totenhaus, angefuehrt von den Bueffeln und vielen alten Frauen, die den Toten an einem langen roten Tuch vor sich "herziehen", den Berg hinunter auf den Festplatz des Dorfes geschlittert und anschliessend wieder hoch getragen. Die Menschen sind dabei alle sehr gluecklich, beschmeissen den Toten mit allerlei kleinen Gaben (meist kleine Plastik-Wasserbecher) und feiern mit ihm. Am Festplatz erzaehlt der Zeremonienmeister am Mikrofon nochmal die Lebensgeschichte des Toten und dankt den Gaesten namentlich fuer ihr Kommen und ihre Geschenke (das dauert, weil bestimmt 2000 Leute hier sind). Die Feierlichkeiten gehen noch ein paar Tage weiter, in denen unter anderem die maennlichen Bueffel gegeneinander kaempfen und anschliessend geschlachtet und verspeist werden.
In ganz Tana Toraja gibt es Unmengen von traditionellen Graebern, zu denen wir auch einige Touren gemacht haben. Ganz frueher wurden die Toten in ihren Holzsaergen in grossen offenen Hoehlen mit all ihren wertvollen Gaben bestattet, was jedoch viele Grabraeuber angezogen hat. Seitdem werden Familiengraeber in monatelanger Arbeit in grosse Felsen geschlagen und mit einer kleinen Holztuer verriegelt. Bewacht werden die Graeber immer von sogenannten Tau-Tau-Figuren (aus Holz geschnitzt und den Verstorbenen nachempfunden, halten sie eine Hand fuer Essen und die andere zum Beten auf), die jedoch nur fuer reiche Tote angefertigt werden - genauso wie riesige Stein-Pylone, die am Boden aufgestellt werden. Auf diese traditionelle Art werden ausserdem nur Personen bestattet, die auf "natuerliche" Weise sterben und ein gewisses Alter erreicht haben. Babys zB werden, solange sie noch keine Zaehne bekommen haben, in riesigen Baumstaemmen (Baby Trees) bestattet. Leute, die zB bei einem Verkehrsunfall sterben, werden wie bei uns einfach begraben.
Nach all den Touren hier, lassen wir es noch ein paar Tage ruhig angehen und schauen uns die Stadt Rantepao und den nahen Markt, der alle 6 Tage in Bolu stattfindet und auf dem auch hunderte von Bueffeln und Schweinen zum Verkauf angeboten werden, an. Leihen uns einen Roller aus und machen noch eine kleine Tour durch die Doerfer rund um die Stadt. Ausserdem besuchen wir eine Indonesierin, die wir im Hafen von Makassar kennengelernt haben und die uns in ihr Zuhause in Rantepao eingeladen hat - mittlerweile wohnhaft in Makassar, kehrt sie fuer den Fastenmonat Ramadan zu ihrer muslimischen Familie nach Rantepao heim.
Nach 5 Naechten in dieser anderen Welt, kaufen wir uns Tickets fuer den 8-stuendigen Luxus-Nachtbus zurueck nach Makassar.
Bilder unter: http://www.getdropbox.com/gallery/198087/1/08-09%20Tana%20Toraja?h=9f17ea
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen